So, weiter gehts.
Ich glaub, ich bin gar nicht so Fan von der Idee, auf Demonstrationen Konzerte zu veranstalten. Sonst passiert das, was ich mache. Man geht zum Konzert, freut sich über die Musik und das wars. Die Demo ist Nebensache. Und hinterher heißt es dann, Millionen Leute waren da und haben ihre Meinung kundgetan. Genau. Gefeiert haben die, ihr Lieben.
Wie gesagt, ich tue genau das. Vormittags der Sache wegen demonstrieren und dann Abends der Helden wegen feiern. Das war der Plan. Bis ich den Tenor abends fragte, ob er mitkommen wollte und der mir mit Hiobsbotschaften von der Nachrichtenfront drohte, ein Zitat von Spiegel.de nach dem anderen schickte. "[18:39] Im Stadthafen eskaliert die Situation. Viele Demonstranten, Schaulustige und Rostocker Bürger verlassen panikartig den Platz." "Demonstranten, Schaulustige und Rostocker Bürger verlassen panikartig den Platz." Und die Drohung, mich nicht zu pflegen, wenn mir wegen meinem Leichtsinn was passieren würde.
Ich hab seine Warnungen in den Wind geschlagen, Handy, etwas Geld und Ausweis in eine Gürteltasche verpackt und das Haus verlassen. Da ging es schon gar nicht mehr um die Band. Da hat mich schon die Neugier getrieben, da musste ich das einfach sehen. Kann doch nicht sein, dass sich Geschichte in meiner Stadt abspielt und ich nicht dabei bin.
Sogar mein abgefallenes Rücklicht habe ich mitgenommen und notdürftig am Rad befestigt. Bei Millionen Polizisten in der Stadt werde ich mich hüten, mit einem nicht verkehrstauglichen Rad unterwegs zu sein. Wo wir gerade dabei sind: mein Ausweis ist abgelaufen. Seit Monaten schon. Der neue ist schon bezahlt undliegt schon im Amt, nur abgeholt habe ich ihn noch nicht. Ist natürlich scheiße, jetzt, wo man hier ständig kontrolliert werden könnte.
Vor der Haustür alles normal. Das Bahnhofsviertel hat nichts abbekommen, der größte Teil der Stadt sieht noch aus wie die Stadt. Nur still war alles, weil nirgendwo Autos fuhren, von weitem waren Sirenen zu hören. Ich werde beklommen, überlege ob ich auf den Tenor hätte hören oder wenigstens Angst haben sollte, denke nach über die Neugier und den Drang, da zu sein. An der Hauptstraße die ersten Polizeiautos. Ich fahre langsamer, rechne mit einer Sperre. Bei der Nazidemo am ersten Mai vor einem Jahr bin ich hier aufgehalten worden. Das Ablaufsdatum auf dem Pass in meiner Hosentasche brennt. Aber die Polizei sperrt nichts, sie beachten mich nicht, als ich vorbei fahre, dem Steintor und damit dem Stadtzentrum entgegen. Mir kommen Menschen entgegen, in kleinen Grüppchen, überall stehen Polizisten vor ihren Sixpacs, alles ist ruhig. Es beginnt zu regnen. Die Ampel vor dem Steintor ist rot, ich bleibe stehen, obwohl die Straße frei ist. Immerhin werde ich von mindestens 5 Polizisten aus bestimmt 3 Bundesländern beobachtet. Ich bin die einzige, hinter und vor mir überqueren Passanten die rote Ampel, niemanden interessierts. Seufz.
Die Innenstadt hat nichts abbekommen, wie es scheint. Am Neuen Markt reihen sich die blauen Six Pacs aneinander, ein denkwürdiger Anblick. Die Geschäfte der Fußgängerzone sind zum großen Teil mit Spanplatten vernagelt, "unsere Schaufensterpuppen brauchen auch mal Urlaub", steht bei H&M. Das ist immer noch ehrlicher als ein Blumenladen, bei dem ein Schild verkündet, er bliebe am 2.6. aus "betriebsinternen Gründen" geschlossen. Betriebsintern, genau.
Drei lose Steine liegen auf dem Uniplatz und zeugen als Einzige davon, dass die Demo auch hier langegangen ist. Sonst ist nichts zu sehen. Auch die lange Straße, eine der Hauptschlagadern der Innenstadt, die von einer mittelalterlichen Gasse in DDR-Zeiten zur repräsentativen Prachtstraße des Sozialismus ausgebaut wurde ist voll von stehenden Polizeiwagen. An jeder Kreuzung auf meinen Weg verharre ich kurz und gucke, ob ich weiter darf. Oder ob es Kontrollen gibt, die mir den Weg versperren. Nichts. Von der breiten Straße geht eine Fußgängerzone mit Wasserspiel runter zur Warnow, zum Stadthafen. Da will ich lang. Ich bin nicht allein, viele Zivilisten und Polizisten. Langsam lasse ich mich auf meinem Fahrrad an ihnen vorbei herunter rollen und merke die Zerstörung erst, als ich mitten drin bin. Auf einmal knirschen Scherben unter meinen Reifen, ich muss absteigen. Ein Restaurant bietet das Bild der Zerstörung, das nicht wenige Rostocker vor ihrem inneren Auge schon in der gesamten Fußgängerzone gesehen haben. Die Fenster und Scheiben auf der Terasse sind eingeworfen, auf der Straße sind Steine rausgerissen, ein riesiger Brandfleck kündet von einem Feuer. Was gebrannt hat, ist beim besten Willen nicht mehr zu erkennen.
Überall sind Menschen, überall Cameras. Dieses Ereignis ist tausendfach digital und analog festgehalten. Menschen fotographieren die Zerstörung, posieren vor den Wasserwerfen knipsen die Polizisten, die in Grüppchen kampfbereit auf der mehrspurigen Straße stehen, die die Stadt vom Hafen trennt. Um mich herum blitzt die ständige Dokumentation, jeder Fitzel des Moments scheint auf unzähligen Filmen und Speicherkarten festgehalten. Kurz denke ich darüber nach, ob das historische Ereignisse in Zukunft verändern wird, dass sie millionenfach mitgeschnitten und dann weiterverbreitet werden.
Meine Cam hat mich übrigens im Stich gelassen. Scheiß Akkus. Aber ist ja nicht so, als würde es nicht genug Bilder von Rostock am 2. Juni geben.
[Fortsetzung folgt]