Ein bisschen bin ich in Troja zu Hause. „Die Feuer von Troja“ war in der Adoleszenz mein absolutes Lieblingsbuch, ich hab es so oft in die Hand genommen und einfach irgendwo angefangen zu lesen, dass ich ganze Passagen zitieren konnte und es heute ganz zerfleddert ist. Die Geschichte ist von einer Marion Zimmer Bradley, eine feministische Autorin, aus deren Feder auch „die Nebel von Avalon“ stammt. Das Prinzip ist bei beiden Büchern das gleiche, man nehme eine bekannte Geschichte und erzähle sie neu, aus der Sicht einer weiblichen Nebenperson – also ganz anders. In Avalon ist es Morgaine, in Troia ist es Kassandra – die warnende Seherin, der keiner glauben will. Gott, was habe ich mit ihr gelitten, Kassandra war meine Heldin. Das gesamte antike Setting, die alte Sage, die Götter und Helden, die Amazonen und Zentauren und das ständige Thema der Unterdrückung der Frauen, all das hat mich alles unglaublich beeindruckt und für mein ganzes Leben geprägt, ein kleines bisschen werde ich immer Troerin sein.
Deswegen war es ein kleines bisschen wie Nach-Hause-kommen, als ich es endlich geschafft habe, Christa Wolfs Kassandra zu lesen. Es war der dritte Versuch, vorher bin ich immer gescheitert, weil ich nicht über den Aufbau des Buches Bescheid wusste. Die Ausgabe, die ich besitze heißt nämlich „Vier Vorlesungen. Eine Erzählung“ und bevor es für den Leser ins antike Troja geht, geht es zunächst in das Griechenland von vor ein paar Jahrzehnten und dann ins mecklenburgische Merteln, die Wahlheimat der Autorin. Mein Buch enthält nämlich zunächst ein umfassendes Arbeitstagebuch, ein Making-Of sozusagen, bevor die eigentliche Erzählung kommt. Das wusste ich damals nicht, hab es mittlerweile aber herausgefunden und ... kam nach Hause.
Wolfs Kassandra ist anders als Bradleys Kassandra, trotzdem gibt es Parallelen. Teilweise sind die so stark, dass ich überlege, ob beide Werke unabhängig voneinander entstanden sein können, oder ob eine Autorin (wahrscheinlich Bradley?) die andere gelesen hat.
Ich mag es, was Bücher wie diese mit dem antiken Stoff anstellen. Mythos und Götter werden nicht komplett ausgehebelt, sie haben noch Platz, aber eigentlich geht es auch ohne, was die Sage als Wunder, als göttlich beschreibt, wird hier mit den Menschen und dem was sie tun und der Art wie sie sind erklärt... wenn man Christa Wolf liest, hat man das Gefühl, zu durchschauen, wie die Gesellschaft funktioniert, man scheint zu sehen, warum Ereignisse geschehen, warum sie unausweichlich sind und wie wenig das Verstehen sie verhindern kann. Vor Kassandra habe ich Medea. Stimmen. gelesen, da war es ähnlich.
Ja, dachte ich beim Lesen, das sind sie die Menschen. Auf eine Weise, auf der ich sie niemals beschreiben könnte und die sich doch manchmal anfühlt, wie durch meine Augen gesehen. Schrecklich sind sie dargestellt, die Menschen, und doch ist so viel Liebe da, schon dieser Kontrast ist wie das Leben selbst.
„Dann die Berührung. Eine Hand die sich an meine Wange legte, die so zum ersten Mal im Leben ihr Zuhause hatte. Und ein Blick, den ich erkannte. Aineias.“,
ist meine Lieblingsstelle geworden. Als ich sie las, lag ich auf dem Dach, der Tenor schlief an meiner Seite und hatte den Arm um mich gelegt, weswegen ich keine Hand frei bekam, um das Tränchen wegzuwischen. Wie gesagt, ich habe einen Teil meiner Jugend in Troja verbracht. Und wie Bastian Bux mit jedem Buch mitleidet und miterlebt, war und bin ich wohl auch immer ein kleines bisschen in Aeneas verliebt gewesen. Bekenntnisse einer Lesenden.