Er macht das nicht mit Absicht und ich weiß nicht, ob es im Grunde seine oder meine Schuld ist, aber manchmal kommt es vor, dass der Tenor mir weh tut. Vielleicht wäre es manchmal besser für uns Menschen, wenn die Welt wahrnehmen würde, wie verletzlich wir sind. Aber vielleicht ist es auch oft gut für uns, dass dem nicht so ist.
Es war in der letzten Woche, bei einem eigentlich herrlichen Grillabend mit zwei Freundinen. (Der Tenor ist die Sorte Freund, die ganz prima mit meinen Freundinnen funktioniert. Nicht, dass die vielen guten Seiten hier zu kurz kommen.) Und beim Erzählen von vielen Geschichten aus unseren Leben, kam ans Licht, dass ich zehn Jahre Klavierunterricht gehabt habe. Nicht eins oder zwei, wie er bisher dachte, sondern zehn. Das hat ihn ganz schön aus der Fassung gebracht. "Zehn Jahre?!" Ich konnte nicht weitererzählen - vor mir lag eine gute Pointe, meine Freundinen hingen an meinen Lippen, doch es ging nicht, denn dazwischen saß der Tenor und stellte immer wieder die eine Frage: zehn Jahre?!
Ja, mein Schatz. Zehn. Ich habe dann noch erzählt, wie sehr ich um diese Jahre gekämpft hatte, immer gekämpft. Von Anfang an waren meine Eltern der Meinung, ich übe nicht genug und drohten damit, die Stunden einzustellen. Und sie hatten ja Recht, ich hab wirklich wenig geübt, ich hatte keine Lust zu üben und Donnerstags, nach acht Stunden Schule, hatte ich keine Lust auf den Klavierunterricht. Und dann, wenn beim Abendbrot wieder das Thema aufkam und die Drohung, dass bald Schluss sei, habe ich gekämpft, verzweifelt gekämpft, um meine Stunden, um mein Klavier, ich wollte nicht aufhören. Gott, was habe ich geheult. Nicht aus taktischen Gründen. Ich mag Einzelkind sein und Arzttochter, doch ich habe seit dem Kleinkindalter nicht mehr aus Taktik geweint. Ich gehöre zu den Menschen, die lieber nackt in die Fußgängerzone gehen würden, anstatt vor anderen zu weinen.
Wegen dem Klavier hab ich viel geweint. Ich kann gar nicht genau sagen, warum, aber es sitzt tief. Irgendwas hat oft wehgetan, vielleicht zu viel Kritik? Vielleicht war Klavier spielen für mich immer zu intim, als dass es funktionieren konnte. Im Wohnzimmer, der Kritik beim Üben ausgesetzt, beim Üben, wenn doch alles scheiße klingt.
Vielleicht ist das gar nicht so selten. Gestörte Beziehungen zu Klavieren, eine Geschichte der Hassliebe. Ist lange her, dass Frank von argh.de was dazu geschrieben hat, aber ich habe mich damals sofort damit identifiziert. Auch wenn ich gar nicht so talentiert war.
Ein Viertel Jahr hab ich es nach dem Auszug ohne ausgehalten, dann habe ich mir ein E-Piano gekauft. Ich hab noch nie in meinem Leben so viel Geld auf einmal ausgegeben, es steht seither mitten in meinem kleinen Zimmer, es steht im Weg, es macht den Raum beengt und winzig und ich spiele nicht mal darauf. Zwei Lieder kann ich noch, zwei richtige Lieder. In Wirklichkeit kann ich noch eine Handvoll Stücke, aber nichts besonderes. Nur diese zwei Lieder, von Yann Tiersen, die spiele ich immer wieder und alle Welt ist begeistert, denn sie sind wunderschön und nicht ganz leicht. Und dann merken sie, dass es nur zwei Lieder sind und dann bin ich das Mädchen, dass trotz zehn Jahren Klavierunterricht nur zwei Lieder spielen kann.
Das alles kann der Tenor nicht verstehen. Auch nicht, dass mir Noten nicht liegen, da kann ich noch mal zehn Jahre Unterricht nehmen. Ich kann Noten lesen, aber es geht nicht gut, das ist nicht meine Welt, genau wie Mathe nicht meine Welt ist und ich manchmal trotzdem 2en schreiben kann, wenn ich muss. Seit er da ist, stehe ich auch noch mit ihm in Konkurrenz, scheiß Autodidakt. Das alles werde ich ihm erklären müssen, warum es so wehtut. Vor allem aber muss ich es selbst verstehen. Verstehen was los ist, warum es so weh tut und wie ich den Weg zurück finde. Denn ich will zurück. Ich war gerne das Mädchen, das Klavier spielen kann. Und ich kann es doch. Ich kann sogar Yann Tiersen spielen. Das ist gar nicht so leicht.
Und es tut schon wieder weh.