Was darf man mit den Toten alles anstellen?
Ich stehe mitten und über der Stadt und sehe auf sie hinab. Gebe bestimmt ein wunderbares Bild ab, mit dem wehenden Rock und den Tränen im leeren Blick. Ich hätte meine Haare aufmachen sollen. S. der Farbenfreund hat mir diesen Ort gezeigt, an einem besonderen Tag. Ein Ort, zu dem man gehen kann, an einem grauen, verzweifelten Tag, einem von vielen, eine Perlenkette von grauen, verzweifelten Tagen.
Den Farbenfreund habe ich gar nicht so gut gekannt. Als er starb, habe ich keinen Menschen verloren, der mir besonders nahe stand. Anstatt eine Lücke in mein Leben zu reißen, hat er streng genommen eine gefüllt. Die, des geliebten Menschen, der gestorben ist. An den man oft denken kann, der der namenlosen Melancholie, die mich immer wieder aufsucht ein Gesicht geben kann und den grundlosen Tränen einen Sinn. Wenn das seine Mutter wüßte. Ich wette, sowas gilt als Leichenfledderei, gewisserweise.
S. der Farbenfreund stand mir nicht besonders nahe. Zum Ende kannten wir uns nicht mehr besonders gut. Doch ich habe ihn, das kann ich guten Gewissens schwören, sehr gemocht. So sehr, dass lange Zeit alle glaubten, wir wären ein Paar.
Mit meinem Leben hatte er schon lange nichts mehr zu tun, ich habe mit ihm nie über meine Probleme geredet. Dass wir uns auf unsere Weise nahe standen ist sogar so lange her, dass ich heute glaube, dass ich damals überhaupt keine Probleme hatte. In Momenten wie diesen einen Ort aufzusuchen, der mich mit ihm verbindet, ist also ziemlich unangemessen, auch nur der Gedanke an so etwas Lächerliches, wie ein Zwiegespräch, ist absurd. Und doch stehe ich hier oben und denke an den Farbenfreund, denke an den Tenor, ein bisschen an den Fka und die Stadt, die unter mir liegt. Und tue mir sehr leid. Einen filmreifen inneren Monolog bekomme ich nicht hin, auch keinen erhellenden Gedankengang, der in einer Lösung, einer Idee, irgendeinem Sinn darin, dass ich hier hergekommen bin, mündet. Wie immer in solchen Momenten denke ich alles und nichts gleichzeitig, kreise um das selbe, um das Eine Thema, bin ganz woanders, unstrukturiert, ungeordnet.
Die Tränen kommen wegen dem Farbenfreund, nicht wegen dem Tenor, aber das ist mir egal, ich bin froh, dass sie endlich da sind, für jedes kleine bisschen bin ich dankbar und mehr ist es auch nicht. Dazu sind die Toten also gut, denke ich bitter und ohne schlechtes Gewissen, denn ich weiß, dass er mir das nicht übel nehmen würde. Nicht so übel, wie allen Ernstes zu glauben, dass er sich echt stundenlang meine Liebesprobleme anhören würde. Und dazu könnte ich ihn zwingen, in Gedanken, er kann sich nicht wehren, er ist tot.