present perfect ♥ Besserwisserin ♥: flüchtiges Fernweh


♥ Besserwisserin ♥

Steal a peep at me and tippy-toe into my world! God save the Queen - and her shoes... **********************************************************************************************

Einträge "flüchtiges Fernweh":

Freitag, 27. Oktober 2006

Paris, die Stadt der Schlaflosen

Eine verdammt schwüle Sommernacht, in der Stadt der Liebe, nicht für mich, Paris. Ein vollgestopftes Pensionszimmer, drei schlafen, einer ist wach. Kann nicht schlafen, will nicht schlafen, es ist zu heiß, es ist nicht zu Hause. Würde lieber auf dem Place d'Anvers übernachten, ja, Pigalle, Rotlichtviertel, oder auch Butte Montmartre, da wächst immerhin Gras, nur nicht hier. Leise die Jeans anziehen, ich finde meine Schuhe nicht. Schlüssel klimpern, in das Foyer schleichen. Der Portier liegt mit einer Decke (wofür braucht er die bitte bei diesen Temperaturen) auf der Gästecouch und schläft, jetzt nicht mehr. <<Eh, bonsoir, qu'est-ce que vous faites ici? Je peux vous aider?>> So freundlich es sich liest, das war es bei Leibe nicht. <<Non, merci, je me veux seulement promener un oeu, dix minutes. Je ne peux pas dormir.>> <<Ah non, mais vous n'avez pas des chaussures! Et c'est dangereux ici, Madame!>> <<C'est bien, je vais prudement, seulement dix minutes, seulement dans le quartier.>> Barfuß lasse ich ihn schlaftrunken am Eingang stehen, ich gehe die bergige Rue Turgot in die angenehme Richtung. Ein kleiner Platz, eine Bank, es ist nicht kalt, nicht warm, Paris schläft nicht, aber ist auch nicht wach. <<Pardonnez-moi, s'il vous plaît, quelle heure est-il?>> frage ich ein irritiert dreinblickendes Pärchen am place, <<Trois heures et demi.>> Kein Anreiz zum Weitergehen, es ist viel zu früh, um auf morgendliche Geschäftigkeit und das Öffnen der Bäckereien zu warten, und Paris ist zu unbequem fürs Barfußlaufen. Nach eingehendem Studieren der Auslage eines Antiquitätengeschäfts schleiche ich widerwillig zurück, werde erwartet. <<Bonjour, merci beaucoup.>> <<Bonsoir.>> Schlafen kann ich immer noch nicht, dafür nach dieser Nacht mit der Matratze auf dem Flur hinter der Tür. Pariser Nächte sollte man nur wach erleben müssen, mit einer Flasche Wein und nur bei Licht.
Currently playing: Je ne regrette rien :)
Current mood: c'est bien

Sonntag, 16. April 2006

Fernweh, aber vor der Haustüre. Vielleicht die falsche Rubrik.

Landshut? Nie gehört! Es sind hierbei nicht nur die Preussen angesprochen, auch die südlich des Weißwurstäquators sehen erfolgreich über uns hinweg...


Ja, ich habe mich damit abgefunden. Keine Sau kennt Landshut, verzeihen Sie die Ausdrucksweise. Die Hoffnung, dass das Fernsehen uns berücksichtigen würde, uns, die Einwohner der Landeshauptstadt Niederbayerns, habe ich natürlich längst aufgegeben. Aber ich kann und will es einfach nicht akzeptieren, dass selbst bei lokal ansässigen bayerischen Sendern dem kaffeesüchtigen Moderator im Halbschlaf eher noch der Name eines verschneiten Dörfchens am Arber über die Lippen schleicht als Landshut. Aber ich fürchte, ich werde mit dieser Nichtexistenz leben müssen, auch wenn ich an Ort und Stelle etwas dagegen tun werde: Landshut liegt im Südosten Bayerns, ca. 45 Autominuten von München entfernt und ich muss sagen: manchmal geht hier echt der Punk ab. Man darf natürlich keine Wunder erwarten von einer Kleinstadt, aber der Charme derselben macht dies allemal wett. Ich weiß wovon ich spreche, mich hat ein Zwangsumzug nach Niederbayern verschlagen. Der liegt aber schon einige Jahre zurück und ich bin seit jeher des Bayerischen mächtig (liebe Preussen, vielleicht wollen wir eure Aufmerksamkeit ja gar nicht, wir verstehen euch so schlecht). Aber die vielgelobte gotische Altstadt und die Landshuter Hochzeit, die von den Einheimischen lediglich als willkommener Anlass für zügellosen Bierkonsum angesehen wird, die schattigen Biergärten an der Isar und die typische Landschaft, kombiniert mit dem Nightlife für Anspruchsvolle und eben dem selben Kulturangebot sollte Landshut doch einige Verehrer mehr bescheren. Als Frau wäre die Stadt eine intelligente klassische Schönheit

Montag, 6. März 2006

Ein Hauch von Erhabenheit.

Cambridge. Was assoziiert man spontan mit diesem Begriff? Klar, Universitäten, Bildungsbrutstätte? Stimmt, aber es gibt noch viel mehr zu entdecken!


Im Rahmen einer dreiwöchigen Odyssee durch die englische Hauptstadt trud es sich zu, dass ich mich auf einen Besuch im altehrwürdigen Cambridge einließ. Klingt episch, ist aber so. Ich war zunächst ziemlich enttäuscht, zumal ursprünglich geplant war, dass ich nach Oxford fahren sollte. Dementsprechend negativ fühlte ich mich, als wir an einem noch dazu regnerischen Tag in Cambridge ausgesetzt wurden, mitten am Straßenrand. Aber was nützte es, ich war in England und jung, ich wollte das Beste daraus machen. Als ich mich näher umsah fiel mir erstmals auf, dass ich an einem Flüsschen stand, genauer gesagt dem Cam. Ich schlenderte über den Steg und sah einigen Jugendlichen beim "punting" zu, was dem Gondelfahren in Venedig sehr ähnlich ist, nur dass man hier selbst mit der langen Stange das Boot antreiben, und leider auch steuern muss. Gereizt hätte mich das Ganze, aber die saftigen Preise und die Aussicht, nicht nur von oben, sondern unter Umständen auch von unten nass zu werden, hielten mich davon ab. Derweil war ich höchst erstaunt über die englische Mittagssonne, die sich tatsächlich blicken ließ und den riesigen Park etwas trocknete und sogar ein kleines bisschen Wärme spendete. Zuversichtlich legte ich mich quer auf eine Parkbank, schaute die knuffigen Kumuluswolken an und warf vorsichtig einen Blick in mein Lunchpaket. Wie erwartet. Ein kleiner grüner Apfel (das geringere Übel), ein Schokoriegel mit Orangenfüllung. Ein schwammiger Toast mit Eiercreme. Und zu guter letzt: Salt and Vinegar Chips, also Salz und Essig. Vor 18 Uhr bekommt so etwas niemand heruntergewürgt. Außer Engländer natürlich, die essen das zum Frühstück. Aber egal, ich wollte euch ja Cambridge schmackhaft machen. Die Sonne verzog sich alsbald wieder und ich folgte dem Weg durch den Park, vorbei an Tennisplätzen und dann ein aprubtes Eintauchen in eine beschauliche Wohngegend. Sah ziemlich studentisch aus, aber topgepflegt und typisch englisch, gar kein Vergleich zu Londons Vororten. Ich schlängelte mich durch die relativ übersichtlich angeordneten Gässchen und hatte stets ein Ziel vor Augen: einen beeindruckenden Turm, der zu einem mir unbekannten Gebäude gehörte, überragte die Häuserkulisse. Vom Entdeckergeist getrieben folgte ich immer der Nase und stand schließlich auf einer etwas belebteren Straße, die mich vom St. John's College trennte, zu dem auch der Turm gehörte. Unpassenderweise störte eine lustig bunte Menge vor der Bushaltestelle mein Blickfeld. Instinktiv wendete ich mich nach rechts, vorbei an den japanischen Touristen im St. John's und fand überraschenderweise einen Kunstmarkt vor einer Kirche. Sofort begab ich mich auf die Jagd nach Andenken und Mitbringseln, Ms. Ellis aus Cambridge habe ich sofort unterstützt mit ihren selbstgemachten Lesezeichen. Leider musste ich feststellen, dass es Cambridge nur so von Deutschen wimmelte und so zog ich weiter in den Kern der Stadt. Ich kann euch nur sagen: zauberhaft. Sehr verwinkelt, alle Gebäude wie aus einem Shakespeare-Drama. Mittlerweile hatte es zwar angefangen zu nieseln, doch das tat der Stimmung keinen Abbruch. Ich schwebte die Kulisse entlang und deckte mich in einem wunderschönen Laden mit Schmuck ein. Aber am liebsten hätte ich das Möbelsortiment mitgenommen, wenn es mein Portemonnaie und mein Koffer erlaubt hätten. Bald kam ich auf einen größeren Platz auf dem mehrere Marktbuden aufgebaut waren. Und was sage ich? Nach diesem mehr als ernüchterndem Lunch kam mir dieser Stand gerade recht... Backwaren. Ich kaufte mir Muffins. Wirklich nicht teuer, aber so groß wie ein kleiner Kuchen. Und da der Regen stärker wurde verzog ich mich mit meinem Schätzchen im Gepäck in die nächste Drogerie. Da entweder alles zu teuer oder zu billig war wollte ich wieder zurück zu den anderen im Park. Der Regen hatte kurz nachgelassen, überraschte mich jedoch wieder auf dem Weg zurück, sodass ich in einen Hauseingang flüchtete und mir den Muffin zu Genüge führte. Ein Deutscher im Cambridge, getarnt als Penner im Hauseingang? Ja, das war es wert. Man kann übrigens auch noch ganz hervorragend Geld wechseln in dem kleinen Reisebüro im Stadtkern, auch am Samstag. Und der Markt ist wirklich einsame spitze. Ich kann nicht behaupten, dass ich Cambridge kenne, ich war nur ein paar Stunden sort. Aber mein Eindruck war großartig, auch die Kultur kommt selbstverständlich nicht zu kurz: an allen Ecken und Enden verlockten Theaterplakate, leider musste ich widerstehen. Ich werde auf alle Fälle wieder hinfahren, wenn ich demnächst wieder in Großbritannien bin, die Stadt ist jeden Besucher würdig. Man kommt sich in dieser traditionsreichen Stadt einfach zwangsläufig schrecklich intelligent vor. Einmalig.
Currently playing: One Way Ticket - The Darkness
Current mood: Gut.

Sonntag, 5. Februar 2006

Erinnerung

Geht es nur mir so oder kennen dieses Gefühl auch andere: man kommt zurück von einer Reise, ein einmaliges Erlebnis, aus welchen Gründen auch immer. Aber kaum ist man zu Hause, wünscht man sich, man könnte sich an mehr erinnern. Mein Kopf fühlt sich total leer an, wenn ich versuche, mich zu erinnern. Aber seltsamerweise fallen einem nach und nach, zu absurden Anlässen, Details der Erlebnisse wieder ein. Dennoch ist die Erinnerung lückenhaft und vergesslich, das Gefühl von damals kann man nicht wieder rekonstruieren. Man wünscht sich sehnlichst, sich an mehr zu erinnern, das großartige Empfinden von damals zurückzuholen. Was einem bleibt, sind Splitter, Bruchstücke der Vergangenheit, die so schwer zusammensetzbar sind wie ein 100-Teile-Puzzle. Ebenso frustrierend ist, dass man mit seinen Erinnerungen ganz allein ist, da keiner die Erfahrung mit einem teilt. Wenn man nicht alleine gereist ist, kann man zumindest noch Anekdoten anbringen und kleine Insider-Erinnerungen hervorrufen, aber mehr auch nicht. Das Gefühl bleibt verloren. Auch Bilder und Photographien sind eher hinderlich als nützlich: Das Gebäude hat wirklich so ausgesehen? Das habe ich nie so wahrgenommen. Hatte ich meine Augen überhaupt geöffnet? Warum geht mir die Erinnerung verloren? Warum habe ich kein Photo von dem gemacht, was wirklich wichtig war, sondern nur die Sehenswürdigkeiten abgelichtet, die so in jedem Reiseführer zu sehen sind? Man vergisst das Ambiente, die Impression, man bedauert, dass man sich so wenig Zeit genommen hat, um sich hinzusetzen, die Stadt oder die Landschaft in sich aufzunehmen und Menschen zu beobachten. Eigentlich ist das Einzige, was eine Reise auslöst, Fernweh und Sehnsucht, um zu realisieren: Habe ich das schon einmal gesehen? Wie war das noch gleich? Ich muss das Ausgelassene vervollständigen. Ich will sofort wieder hinfahren...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Currently playing: Stille.
Current mood: Sehnsuchtsvoll.

Samstag, 4. Februar 2006

London für Anfänger.

Ich war allein unterwegs, mit einer Reisegruppe. Ich kannte niemanden und bin zum ersten mal geflogen. Die Unternehmung war für mich dennoch wichtig, weil ich schon mein Leben lang von London geträumt hatte, und diese Stadt nahezu allein zu entdecken war natürlich noch viel besser. Am Flughafen habe ich durch Zufall gleich meine Zimmernachbarin in der Gastfamilie kennen gelernt, Gott sei Dank haben wir uns auf Anhieb gut verstanden. Die Organisation des Unternehmens, welches die Reise organisiert hatte, ließ stark zu wünschen übrig und so standen wir beide am Heathrow-Flughafen ganz allein ohne irgend einen Ansprechpartner oder Plan. Ich ergriff die Initiative, wechselte mein Geld in Pfund um und telefonierte mit unserer Gastfamilie. Nach langem hin und her, Gesprächen mit dem Reisebüro und einem Münztelefon, welches soeben fünf Pfund kassiert hatte, stellte sich heraus, dass wir vier Stunden am Flughafen warten sollten, bis die anderen Reisegruppen aus Frankfurt, Berlin oder Köln kamen. Unsere erste Idee: zunächst Airport-Shopping... Eingedeckt mit Cadbury's, Tee mit Milch, Muffins und einer britischen Illustrierten machten wir es uns zwischen lärmenden Kindern auf dem Weg nach Brighton oder Torquay in der Wartehalle bequem.

Nach und nach erschienen die Fehlenden und wir brachen auf. Mit unseren sperrigen Koffern bahnten wir uns den Weg nach draußen vor das Gebäude. An dieser Stelle muss hinzugefügt werden, dass der Londoner Flughafen, im Gegensatz zu dem in München z.B., unglaublich hässlich ist. Ich erkannte den Airport im ersten Moment gar nicht als solchen, die Halle sah mehr aus wie ein Bahnhof. Draußen standen wir also herum, der Reiseleiter suchte unseren Busfahrer. Ich konnte angesichts des überraschend sonnigen Wetters in England gleich meine gerade eben erworbene Sonnenbrille von Assesorize präsentieren. Meinen ersten Kulturschock erlitt ich beim Einsteigen in den Bus: falsche Seite... Wirklich sehr verwirrend. Die Fahrt dauerte eineinhalb Stunden, da Busse dazu angewiesen worden waren, um die Innenstadt herum zu fahren, da ich nur wenige Wochen nach den Terroranschlägen auf U-Bahn und Busse in London gewesen bin. Die Fahrt auf der linken Seite der Autobahn war eigenartig, ebenso die Landschaft: fast wie bei uns, nur etwas karger und mit tot wirkenden Bäumen. Nach einiger Zeit erreichten wir die ersten Außenbezirke Londons und freuten uns schon auf das Kommende. Zu unserer Überraschung hielten wir jedoch auf einem Court Yard mitten in Bromley, eine halbe Stunde von der Innenstadt entfernt. Laut Katalog hätten wir mitten in der Stadt unterrichtet werden sollen (die Reise enthielt einen täglichen Sprachkurs), und so waren alle enttäuscht, dass sich sowohl Gastfamilien als auch College so weit weg befanden.

Auf dem Parkplatz wurden wir von unseren Gasteltern abgeholt. Mich und Friedericke, meine Mitstreiterin, holte ein älterer Herr mit irrem Blick und einem dunkelblauem Wagen ab. Es war Len... Skeptisch stiegen wir ein, die Konversation blieb sehr zurückhaltend. Wir fuhren etwa fünf Minuten und ich versuchte fieberhaft, mir den Fluchtweg einzuprägen. England hat eine sehr typische Architektur und so sah für mich alles gleich aus: kleine schäbige Häuschen mit dem selben Fensterausbau.

Unsere Gastfamilie, die Bayliss', wohnten im Winford Way. Wir in Zufunft auch. Vor der Tür stand bereits Gwen, ebenfalls eine Dame mittleren Alters. Ihr Englisch konnten wir weitaus besser verstehen und so bugsierten wir zunächst unser Gepäck in den winzigen, mit mintgrünem Teppich (mit rosafarbenen Blümchen) ausgelegtem Flur. Dann wurden wir ins Wohnzimmer komplementiert (ca. 8 qm, zwei monströse, unförmige, cremefarbene Ledersofas und ein dazugehöriger Sessel, der selbe unsäglich grüne Teppich wie im Flur, dazu ein tannengrün-pinkfarben gemusterter Läufer, ein künstlicher Kamin mit den Fotos der Lieben, ein naives Landschftsbild, Kitschromane und die Fernsehzeitung, eine bordeauxrote Tapete mit Textilstruktur und Bordüre und ein riesiger Flachbildschirm mit den passenden Raubkopie-DVDs aus Malaysia). Wir nahmen auf den Sofamonstern Platz und wurden dann über unsere Reise ausgequetscht sowie über uns, die neuesten Informationen über die Terroranschläge wurden ausgetauscht und wir lästerten gleich über das Reiseunternehmen, mit welchem die Bayliss' schon einschlägige Erfahrungen hatten, da sie schon öfter deren Gastschüler untergebracht hatten. Schließlich wurden wir für's Erste entlassen, Gwen zeigte uns unser Zimmer und wir trugen die Koffer anch oben. Die Treppe war ca. 80 cm breit und mit dem unheimlichen mintfarbenen Teppich bezogen. Im ganzen Haus standen künstliche Blumen und Nippesfiguren. Ich und Friedericke machten erst einmal die Tür hinter uns zu. Wir mussten den Raum zuerst einmal auf uns wirken lassen: zwei unterschiedliche Hochbetten mit schmuddeligen Matratzen, die sehr wackelig aussahen. Tatsächlich waren sie an der Wand angeschraubt, später erfuhren wir einmal, weshalb (zwei Gastschüler aus Polen hatten sturzbetrunken die Betten im Raum herumgeschoben, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass sie weit gekommen wären). Das Zimmer war etwa 10 qm klein, der obligatorische Flauschteppich suchte uns auch hier heim. An der einen Seite des Zimmers war ein großer Spiegel über einem weißen Sideboard mit vergoldeten Beschlägen, auf welchem Kosmetiktücher, Wattebäuschchen- und stäbchen drapiert waren, angebracht. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein Schubladenregal im selben Stil, darauf eine kleine Lampe mit fliederfarbenem Schirm auf der Häkeldecke, mitten vor dem Fenster. Das letzte bisschen Platz beanspruchte ein weißer Sperrholzschrank in der Ecke neben dem Fenster für sich. Zum Verhängnis wurde mir die Lampe an der Decke, an der lange rosafarbene tropfenförmige Glasgebilde hingen, weil ich diese regelmäßig anstieß und so die Tropfen auf den Boden fielen... Gut, dass der Teppich so weich war. Wir fügten uns unserem Schicksal und begannen, unsere Koffer auszupacken. Nach einer Weile wurden wir von Gwen zum Essen gerufen: nicht das befürchtete blutige Steak mit Minzsoße, dafür aber Gemüse und ein Stückchen Huhn aus der Mikrowelle mit einem Schokopudding von Sainsbury's.

Am nächsten Tag machten wir uns fertig und gingen hinunter zum Frühstück. Auch hier blieb die böse Überraschung aus: statt englischem Frühstück mit Schinken und Eiern etc. Toast mit Marmelade (ja, Orangenmarmelade war auch dabei...) und Cornflakes (wenn auch gewöhnungsbedürftige...). Dann bekamen wir unser tägliches Lunchpaket (für deutsche Verhältnisse eine wirklich grausame Ernährung: ein Schokoriegel, ein labbriger Toast mit Ei oder Roastbeef, ein unreifer Apfel, eine Flasche Wasser und eine kleine Tüte Essigchips! In England habe ich manche Leute schon am Morgen im Bus Kartoffelchips frühstücken sehen.) und sind losgegangen in Richtung Eltham College. Das Haus der Bayliss' war mit beerenfarbigen Petunien überwuchert, so konnten wir es wiederfinden. Der Winford Way war eine lange Staße parallel zu einer riesigen kahlen Rasenfläche, auf der täglich ganze Vogelschwärme saßen und deren Zweck mir bis heute schleierhaft ist. Da wir den Weg zur Schule nicht genau wussten, folgten wir einfach der Straße und bogen willkürlich nach links ab. Irgendwann kamen wir auf die Hauptstraße, die Mottingham Road.

Von dort aus ist der Weg nicht schwer zu finden, den Hügel hinunter und vorbei an der Methodistenkirche und am Spar (ja, Spar in London!). Unten dann vorbei am Fish & Chips-Laden und am Kreisverkehr auf den Linksverkehr achten (Kreisverkehr ist schon in Deutschland kompliziert, aber bei Linksverkehr lebensgefährlich...).  Der Weg bis zum College dauert etwa zwanzig Minuten, nach einem anstrengenden Tag in London noch etwas länger. Am Morgen kostete es viel Überwindung, nicht einfach liegen zu bleiben. Aber gut, sobald man aufgestanden ist, freut man sich auf einen Zwischenstopp im besagten Spar um sich mit dem einzigartigen Volvic Touch of Fruit einzudecken, was ich hier in Deutschland schmerzlich vermisse: Volvic-Wasser mit Erdbeergeschmack oder Limette oder Ananas, einfach grandios.

In der Schule angekommen musten wir uns auch erst einmal zurecht finden; das Eltham College ist ein sehr schönes Gebäude mit einem zauberhaften Innenhof (das Betreten des englischen Rasens ist selbstverständlich verboten...), ein riesiger alter Baum komplettiert das Bild. Wir lernten also an diesem Vormittag Oli kennen, unseren Gruppenleiter aus Deutschland, und Nici, die Muttersprachlerin, die uns zusammen mit Oli unterrichten sollte. Wir füllten Einstufungstests aus und machten uns erst einmal mit der Materie vertraut, Informationen über London und Cambridge und ähnlich seichtes. Soweit ich mich erinnern kann wollten wir dann am Nachmittag Traveller Cards im Post Office kaufen gehen und sind dafür extra nach Eltham gelaufen. Wir mussten schließlich etwas ortskundig werden. Blöderweise läuft man nach Eltham sehr weit und wir waren nicht darauf vorbereitet... Irgendwann wurden wir dann entlassen und was machen junge Menschen, wenn sie nicht wissen, was sie tun sollen? Einkaufen, na klar. Die Eltham High Street ist dazu sogar eingermaßen gut geeignet.

Irgendwann habe ich dann die Odyssee aufgegeben und bin samt einem frischen Vorrat Volvic in den Bus Richtung Mottingham gestiegen.

Unsere Stimmung war ziemlich schlecht, da jeder etwas anderes von der Reise erwartet hatte. Die Gastfamilien entsprachen nicht den Erwartungen und eigentlich hätte die Schule ja direkt in London sein sollen. So war ein jeder ziemlich unzufrieden, zwei Mädchen gingen sogar so weit, am zweiten Tag wieder abzureisen. Der Rest hielt durch, wenn auch unter Protest und mit Androhung juristischer Maßnahmen. Aber nach ein paar Tagen verflog die schlechte Stimmung und die Aufmerksamkeit wurde auf wichtigere Dinge wie z.B. Nicis Kleidungsstil und die Frage nach Freizeitaktivitäten gelenkt. Tatsächlich fuhren wir fast jeden Tag nach dem Unterricht (der für mich wirklich sinnlos war, die Übungen waren unter dem Niveau eines Abiturkurses...) mit dem Zug nach London. Von der Mottingham oder Eltham Station aus über Lewisham zur London Bridge, zur Waterloo Station oder bis zum Charing Cross.

(Mottingham liegt zwischen Blackheath und Lewisham)

Auf diese Weise haben wir viel gesehen von London, aber leider erinnere ich mich so detaillos, wie schrecklich. Eigentlich sollte ich ja wenigstens das Grobe aufschreiben, aber im Moment nicht...

Currently playing: Oasis - The Importance Of Being Idle
Current mood: hm... so lange her.
Texte finden
 
RSS-Feed